"Das peinliche Halsgericht"

Ja, so hieß das damals im 17. Jahrhundert. Dieses Halsgericht tagte, wenn jemand aufgrund eines Deliktes (z.B. Mord, Notzucht, Meineid, Ketzerei, Diebstahl von Sachen, die mehr als 4 Silbergroschen wert waren, Urkundenfälschung etc.) durch den Strick oder das Schwert vom Diesseits ins Jenseits befördert werden sollte. Peinlich, peinlich für den Delinquenten (für die heutige Zeit ein etwas seltsamer Ausdruck, wenn man nicht gleichzeitig an das Wort ‚Pein‘ denkt).

Dass es auch in Harste solch ein Gericht gab - und zwar bis 1823 – zeigt die besondere Stellung dieses Ortes in früherer Zeit. Woher kam das?

Eigentlich ganz einfach! Harste hatte eine Burg, und Burgen wurden oft zu Amtssitzen, als die welfischen Gebiete in kleinere oder größere Herrschaftsbezirke aufgeteilt wurden (13. /14.Jahrhundert).

Ein vom Herzog eingesetzter Vogt (später Amtmann) verwaltete den fürstlichen Grundbesitz, überwachte die Dienstleistungen der Untertanen, zog die Abgaben ein und übernahm juristische Aufgaben.

Der Herrschaftsbezirk und Amtssitz Harste umfasste im Jahr 1418 die Dörfer: Ellershausen, Emmenhausen, Esebeck, Grone, Harste, Hetjers-hausen, Holtensen. Lenglern, Mengershausen, Parensen, Rosdorf und Weende. Später kamen noch Knutbühren und Nikolausberg dazu und noch später dann Roringen, Herberhausen, Bösinghausen und Marienstein. Bis zur Auflösung im Jahre 1823 gehörten diese Dörfer zum Amt Harste.

D.h.: Hätte z.B. in Holtensen oder Roringen ein Mann seine Schwiegermutter nicht mehr ertragen und ihr den Hals umgedreht, so wäre dieser Fall in Harste verhandelt worden (und vermutlich so gelöst worden, dass der Täter nur kurze Zeit später seiner Schwiegermutter im Jenseits wieder begegnet wäre).

In Harste ist es tatsächlich zu mehreren Gerichtsverhandlungen mit Todesurteil gekommen (entweder an der Gerichtslinde ( die heute noch im Domänenpark steht) oder auf dem Thie oder vor dem Amtshaus (Domäne): 1662 wurden 2 Diebe, die den Pastor in Trögen um 100 Reichstaler erleichtert hatten, vor dem Amtshaus zum Tode verurteilt und auf dem Galgenberg (Richtung Emmenhausen) gehängt. Interessant ist, dass sie dort zur Abschreckung – man stelle sich das vor – 6 Jahre hängen mussten (was außer Knochen und Lumpen hing da noch?). Ebenso interessant ist, dass sich 1668 zwei Diebe durchaus nicht davon abschrecken ließen und in der Michaelisnacht Ketten, Krampen und Nägel, "darin sie gehangen (die Leichen), weggenommen, einen davon heruntergeworfen, den andern in den Plunnen , die er noch am Leibe gehabt, wieder an den Galgen geknüpfet (haben)" Und nicht nur das, sondern diese "boshaften Leute haben es auch nicht gelassen, die beiden Daumen aus den Händen (der beiden Sünder) zu schneiden und diese samt den Ketten, Krampen und Nägeln mit entführet (zu) haben."

1784 und zuletzt 1818 gab es weitere Todesurteile:

Das Halsgericht, das morgens um 8.00 Uhr am 24.3.1784 vor dem Amtshaus tagte, verurteilte Johann Henrich Christoph P. aus Hetjershausen wegen Raubmord zum Tod durch das Schwert. Der Amtsschreiber gab das Urteil bekannt, zerbrach den bereit gelegten Stab (zum Zeichen, dass das Urteil auch wirklich vollzogen werden sollte) und der Verurteilte wurde zur Gerichtsstätte geführt. Dort musste der Scharfrichter – und das ist keine Legende, sondern belegt - 4x zuschlagen, bevor der Kopf vom Körper getrennt worden war.

Das letzte hier in Harste ausgesprochene Todesurteil und die anschließende Hinrichtung erfolgte 1818. Der Bauernsohn Johann Friedrich Ludwig Hille aus Gladebeck hatte einen Knecht aus Fehrlingsen erschlagen, weil dieser ihn des Mordes an seinem zukünftigen Schwiegervaters bezichtigte. Hille konnte zwar fliehen, kam aber nach ein paar Jahren wieder. Er wurde erkannt, stellte sich dann selbst und bekannte sich zum Mord am Knecht, nicht aber am Schwiegervater in spe. Trotzdem wurde er wegen Doppelmordes zum Tode verurteilt. Zur Hinrichtung am 18.4.1818 erschienen so viele Menschen, dass der Platz auf der Richtstätte nicht ausreichte und viele von der Aschenburg und vom Kleinen Kramberg aus zusahen.

So, das war ein zwar kleiner, aber durchaus dramatischer Ausschnitt aus dem Harster Gerichtswesen. Mehr darüber steht in den Quellen, die ich benutzt habe, und zwar: Plesse-Archiv, Heft 12, Dissertation über die Gerichtsbarkeit im Amt Harste von Frank Weissenborn und von Heinrich Lücke: Burgen, Amtssitze und Gutshöfe rings um Göttingen.

Luten Harms

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